Bike the Baltic -
Ostseeradtour
14.-29.07.2012
Der Bericht
Sa, 14.07.2012 - km 0
- 40
Nach dem Frühstück ging es kurz nach zehn los auf die große Reise, zunächst nur wenige hundert Meter weit zum Bahnhof Reick, den Cat und ich genau pünktlich erreichten, um noch vor Abfahrt des Zuges ein Wochenendticket samt Fahrradkarten zu kaufen. Gleich zu Beginn ein wenig Stress, aber dafür sollten wir auf dem größten Teil der Reise von Zugfahrplänen unabhängig sein. Am Dresdner Hbf hatten wir dann genügend Zeit zum Umstieg in den Zug nach Cottbus, und auch dort passte der Anschluss nach Berlin. In der Hauptstadt allerdings war an unserem Gleis schon eine Zugverspätung angekündigt, die sich im Laufe der Zeit immer mehr verlängerte. Es stellte sich raus, dass ein Baum auf die Bahnstrecke nach Frankfurt/Oder gefallen war, so dass es dorthin auf absehbare Zeit kein Durchkommen gab. Irgendwann erschien ein Zug, der bis Fürstenwalde fuhr (immerhin etwa die Hälfte der Strecke) und ab dort sollte es Schienenersatzverkehr geben. In Anbetracht der großen Passagiermenge, die in Fürstenwalde stand, waren wir nicht so optimistisch, noch mit unseren voll bepackten Fahrrädern in einen Bus zu kommen, aber als dann drei Busse vorfuhren, schafften wir es immerhin in den dritten davon. Als mehr oder weniger alle Passagiere untergekommen waren, gab es noch ein größeres Hin und Her, weil es hieß, die Busse führen verschiedene Routen, und plötzlich waren Cat und ich mit nur noch zwei weiteren Leuten im Bus. Ich erkundigte mich dann beim Fahrer, ob auch alles seine Richtigkeit hätte, und erfuhr, dass dieser Bus im Gegensatz zu den anderen über die Autobahn direkt nach Frankfurt fahren sollte und nicht in den Dörfern auf der Strecke hielt. Das passte uns natürlich blendend, und so kamen wir im Privatbus doch noch recht zügig ans erste Etappenziel. Trotzdem war es schon halb fünf, als wir Frankfurt erreichten, eine gute Stunde hinter unserem Zeitplan.
Am örtlichen Bahnhof wurden dann die Fahrräder beladen und das Gepäck ordentlich festgezurrt, und los ging's auf zweimal zwei Rädern an der Oder entlang Richtung Norden. Nachdem wir das Frankfurter Hafen-/Flussfest hinter uns gelassen hatten, gehörte die Piste auch die meiste Zeit uns allein. In Lebus fing es für ein Weilchen ein wenig an zu nieseln, und wir mussten etwas nach der richtigen Route suchen (der Feldweg war es offensichtlich nicht), aber im Großen und Ganzen ließ es sich auf dem Oder-Radweg wunderbar fahren. Als der Abend aber immer weiter fortschritt, beschlossen wir, uns für den Abend eine Unterkunft zu suchen und fanden diese – immer den an Bäumen aufgehängten Zettelchen folgend – im Örtchen Bleyen bzw. Neubleyen. Hinter der Dorfkneipe "Wagenrad" gab es einen kleinen, günstigen Zeltplatz, und dort schlugen wir unser Lager auf. Vor dem Abendessen wollten wir noch kurz fragen, wie lange die Kneipe noch aufhätte (für das Gute-Nacht-Bier). Doch da schon fast alle Gäste aus dem Dorf gegangen waren, blieb uns nicht mehr viel Zeit. Also verlegten wir das Bier vors Essen, und wie das so ist, gerieten wir bei dem "einen Bier" mit dem netten Wirt ins angeregte Gespräch, und am Ende wollte er uns kaum gehen lassen. Ein lustiger Abend, der sicher noch länger geworden wäre, wenn wir nicht am nächsten Tag hätten früh aufstehen wollen. Das feste Abendessen wurde dann ebenfalls auf den nächsten Zeltplatz vertagt.
So, 15.07.2012 - km
40-152
Nach einem gemütlichen Frühstück brachen wir um 11 Uhr wieder auf, radelten zurück zur Oder und auf dem asphaltierten ebenen Deich-Radweg bequem Richtung Norden. Bei schönen Wetter eine herrliche Tour durch schöne Landschaften, und nur selten trafen wir andere Menschen. In der Nähe von Kienitz – was unser eigentliches Etappenziel für den Vortag gewesen war, das wir aber dank der DB-Verspätung nicht erreicht hatten -machten wir an einer Hafenkneipe einen Eisstopp. Doch während wir das Eis genossen, fing es draußen an zu regnen, und zwar so heftig, dass wir die Eispause um eine Radlerpause erweiterten. Als das auch leergetrunken war, hatte der Regen nachgelassen. Die letzten Tropfen schreckten uns nicht mehr, und durch die eine oder andere Pfütze ging es weiter. Schließlich kam die Sonne wieder raus, und weiter ging es, durch Hohenwutzen, Hohensaaten, über einen kilometerlangen Damm, der auf beiden Seiten vom Wasser umgeben war, und den Nationalpark Unteres Odertal. Kurz vor Schwedt war der eigentliche Oder-Radweg wegen Ausbaus gesperrt. Auf die längere Umleitung hatten wir keine Lust, deshalb nahmen wir die Abkürzung, weiter entlang der Oder. Auf großen Betonplatten konnte man zwar auch einigermaßen zügig fahren, ohne Frontstoßdämpfer ging das aber schon auf die Handgelenke. In Schwedt in der Uckermark (aus der auch Angela Merkel kommt) ging es wieder ein Stück landeinwärts, durch den Nationalpark Unteres Odertal, durch einen größeren Wald (wo der Regen wieder begann und wir in Ermangelung einer Unterstellmöglichkeit ein wenig nass wurden) und schließlich durch Gartz (wo es leider keinen Zeltplatz gab) bis Mescherin. Nach 122 Tageskilometern leuchtete uns dort ein Campingplatzschild entgegen, es war auch wieder trocken, und nachdem wir unseren Zeltpalast errichtet hatten, gab es leckeres warmes Abendessen und kühles Bier von der Rezeption. So muss ein Zelturlaub sein.
Mo, 16.07.2012 - km
152 - 238
Auf dem Zeltplatz in Mescherin gab es sogar mal richtig nobles Frühstück. Nicht nur, dass Brötchen frisch aufgebacken und Kaffe gekocht wurde, wir konnten sogar in der Rezeption an einem Tisch sitzen und mit echtem Besteck von Porzellantellern essen. Das war auf der Tour nicht alltäglich. Um 10:45 Uhr brachen wir wieder auf, dem offiziellen Radweg landeinwärts folgend. Bei Tantow kürzten wir etwas ab über einen Betonplattenfeldweg mit tollem Kornfeldpanorama. In Tantow wollten wir dann am Bahnhof nach einer DB-Option schauen, um unseren Rückstand wieder etwas aufzuholen (nur als Notfalloption natürlich), aber dort gab es noch nicht mal einen Fahrkartenautomaten. Also weiter auf dem Drahtesel, über einen ziemlich langgezogenen Hügel, auf dem alle paar hundert Meter der Radfahrer-Rasthof im nächsten Ort (Penkun) angepriesen war (Kühle Getränke... Eis... Warme Mahlzeiten... Dusche... Bier...), und als wir diesen schließlich erreichten, war natürlich Eispause angesagt. Weiter ging's durch den Ort, am Penkuner Schloss vorbei, durch Krackow und Glasow ("Krakau und Glasgow"), über Radwege und Straßen, Hügel und Täler. Ganz oben auf einem größeren Hügel erwischte uns das Wetter dann wieder. Die meiste Zeit schien zwar die Sonne, aber plötzlich kamen Regen und Sturm mit voller Wucht, ohne irgendeinen Unterstellschutz. Wir mussten uns buchstäblich gegen den Wind lehnen, um nicht umgepustet zu werden, und Regen und Hagel sorgten für eine porentiefe Abkühlung bis auf die Haut. Das Gepäck war zum Glück wasserdicht verstaut, die Radkarte wasserabweisend und unsere Beine und Füße, die noch unter der Regenjacke rausschauten, trockneten bald wieder, als die Sonne mit voller Strahlkraft zurückkam. Als wir in Löcknitz ankamen, waren wir schon wieder halbwegs trocken. Dort machten wir auch den ersten Proviantauffüllstopp, am "Hundenetto" mit gleichzeitiger Mittagspause. Auf dem (Rad)Parkplatz trafen wir auch das nette Tandem-Pärchen samt Kindern im Gepäckanhänger wieder, das wir unterwegs mehrmals überholt hatten (zugegebenermaßen auch einmal mit Hilfe der Abkürzung). Um wieder auf unseren Etappenplan zu kommen, kürzten wir ab Löcknitz ein wenig die offizielle Radroute ab und fuhren zum Teil die Alternativrouten entlang meist nicht so stark befahrener Straßen, meist über Asphalt aber auch – nach "Belagwechsel" - kurze Stücke über historisches Kopfsteinpflaster. Glashütte (Erinnerungen an Sachsen) und Hintersee waren die nächsten Etappen. Dann ging es entlang einer ehemaligen Bahnstrecke (die Haltepunktschilder standen z.T. noch) durch einen Wald, durch Rieth, Warsin bis Bellin. Dort hatten wir unseren Zeitplan wieder eingeholt, schlugen am örtlichen Zeltplatz unser Lager auf und machten uns nach dem Abendessen mit kühlem Zeltplatzbier einen schönen Abend am Strand des Stettiner Haffs.
Di, 17.07.2012 - km
238 - 294
Da die Fähre, die wir nehmen wollten, nur etwa zweimal täglich fuhr, mussten wir schon um 6 Uhr aufstehen, unser Zelt abbauen und einpacken und uns wieder auf den Sattel schwingen. Um 7:15 Uhr waren wir am Hafen von Ueckermünde, wo 20 min später das Boot zur gut einstündigen Fahrt nach Kamminke, auf der anderen Seite des Stettiner Haffs ablegte. Dort war es dann nur noch ein Katzensprung bis zur polnischen Grenze, in Zeiten der EU sogar in Form einer einfachen Fußgänger-/Fahrradbrücke, wo man nur an den Farben der Grenzpfosten erkannte, in welchem Land man sich gerade befand. Von der Grenze ging es dann weiter nach Swinoujscie (Swinemünde), erste größere polnische Stadt auf unserer Tour, wo es auch Fahrradläden gab (aber leider trotzdem keine passenden Schutzbleche für Cat). Die Oder überquerten wir dann auf einer Fähre, und vom anderen Ufer ging es zunächst auf einer größeren, dann auf einer bundesstraßeähnlichen Hauptverkehrsstraße bis Miedzyzdroje. Dort machten wir in einem leckeren Pierogi-Restaurant unsere Mittagspause (und saßen dabei den zeitweiligen Regenschauer aus). Dann ging es weiter durch den Wolinski-Nationalpark, wo es sogar in einem Gehege Bisons gab und Wildschweine samt Ferkel, aber keine asphaltierten oder ordentlich befestigten Radwege. Ein erster Vorgeschmack auf das, was uns noch auf der Tour erwartete. Da im weiteren Verlauf des in der Karte verzeichneten "Radweges" noch sandigere Pisten verzeichnet waren, beschlossen wir, hinter Warnowo über Dorf- und Feldwege abzukürzen, was zwar streckenmäßig etwas kürzer war, aber sicher auch nicht besser zu fahren, zumal es wieder anfing zu regnen und wir ab und zu regelrecht im Schlamm stecken blieben. Doch irgendwann kam die Sonne wieder raus, und als wir bei Domyslow auch noch Asphalt unter den Rädern hatten, war die Radfahrerwelt wieder in Ordnung. Über Kolczewo ging es schließlich nach Miedzywodzie, einen polnischen Ostsee-Urlaubsort (ein bisschen wie die Ballermann-Gegend auf Mallorca). Nach etwas Sucherei fanden wir schließlich einen Zeltplatz (Camping Zacisze), der zwar eher ein Bungalowplatz war, aber wo wir auch - als einzige - unser Zelt auf einem Stück Wiese aufstellen konnten. Nachdem wir einige Klamotten gewaschen hatten (der erste Einsatz meines neuen Falt-Waschbeckens) machten wir uns nochmal auf den Weg an den Strand und gingen dann in einer der vielen Fischbuden lecker zu Abend Essen. Den Nachtisch in Form von Kuchen vom Bäcker gab es dann zurück im Zelt, außerdem WiFi-Internet und einen gemütlichen, warmen Schlafsack für die Nacht.
Mi, 18.07.2012 - km
294 - 363
Nach dem Frühstück wurde unsere Behausung wieder eingepackt, und weiter ging es auf einem Beton- und Betonplattenweg (Radweg wäre übertrieben) entlang der Hauptstraße ostwärts. Nach einigen Kilometern bemerkte ich, dass ich meinen Tacho verloren hatte (das Rütteln durch die Betonplatten war also nicht nur nervig, sondern auch verlustreich), doch trotz längerer Suche war er nicht mehr aufzufinden. Naja, solange keine größeren Verluste zu beklagen waren, war das zu verkraften. Über Dziwnow und durch den einen oder anderen "Malle"-Strandort und dazwischen oft leere Strände ging es weiter nach Rewal, durch Pogorzelica und dann landeinwärts auf einer Landstraße meist ohne Seitenstreifen, aber zumindest mit nicht zuviel Autoverkehr. Abgesehen von zwei Deutschen und einem alten Polen, der in seinem klapprigen Fahrradkorb auf dem Gepäckträger eine große Gasflasche transportierte, sahen wir auch wenige Radler. Trzebiatów war die erste größere Stadt auf der Strecke, und nach dem obligatorischen Supermarktstopp am Biedronka machten wir auf dem Rathausplatz mit seinen z.T. hübsch gestrichenen Häusern unsere Mittagspause.
Weiter ging es nordwärts, durch Dörfer wie Roby und über halb verfallene Betonbrücken mitten in der Landschaft, wo außer uns und einem Polizeiwagen kaum jemand unterwegs war. In Mrzezyno an der Küste war wieder Malle-Feeling angesagt, aber auf dem örtlichen Zeltplatz - etwas im Hinterland - war es ruhiger. Als das Zelt stand, fing es an zu tropfen und regnete sich mit der Zeit richtig ein, so dass wir zum ersten Mal auf der Tour im (Vor-)Zelt kochen mussten, wo es dann auch ein bisschen Kondenswasser von der Zeltinnenwand regnete, wir aber zumindest im Trockenen satt wurden. Vom lokalen Zeltplatzshop gab es zur Belohnung dann noch ein kühles Bier.
Do, 19.07.2012 - km
363 -425
Nach einem gemütlichen Frühstück brachen wir gegen halb zwölf auf und radelten weiter, über Rogowo, nach Kolobrzeg, welches eine recht hübsche Altstadt hat. Zudem gab es in einer größeren Stadt auch einen Outdoorladen (um unser Campinggas aufzufüllen) und sogar einen Kaufland (für den Proviant). Dann ging es wieder nordwärts an die Küste, durch Sarbinowo (wo Cats Opa als Kind oft seine Ferien verbracht hatte, da sah es aber noch etwas anders aus) bis Mielno. Da gab es neben den üblichen Malle-Buden auch ein, zwei Zeltplätze, wobei der erste, den wir fanden (Camping Sonia), eher die Wiese hinter einem Privathaus war. Naja, wir schlugen dann quasi neben dem Wohnzimmer unser Zelt auf. Dann wurde geduscht, Bier geholt (das Angebot in diesem Strandurlaubsort war ziemlich groß, ich entschied mich aufgrund des Namens für Kumpel-Piwo) und im winzigen Koch-Verschlag das Abendessen zubereitet.
Fr, 20.07.2012 - km
425 - 446
Während wir gemütlich frühstückten, beobachteten wir amüsiert, wie drei Polen auf dem Zeltplatz versuchten, eine Autotür aufzukriegen (sie hatten den Schlüssel innen stecken gelassen), was eine gefühlte Ewigkeit dauerte. Nicht alle Klischees entsprechen also immer den Tatsachen. Das Klischee des Wodka zum Frühstück trinkenden Urlaubers bestätigte sich aber zumindest in Form von drei Männern, die wir bei einem kurzen Abstecher zum örtlichen Strand sahen. Anschließend suchten wir die freundliche Touristeninfo von Mielno auf, vor allem, um nach dem Bahnhof zu fragen, den wir nicht finden konnten. Natürlich befand sich dieser praktisch direkt gegenüber, die Zufahrt sah aber eher wie die Einfahrt zu einem Privathaus aus. Am Bahnhof erstand ich dann bei einer Schalterdame, die wahrscheinlich so alt war wie das Bahnhofsgebäude, preiswerte Fahrkarten für uns und unsere Räder, und um halb zwölf ging es mit dem Zug nach Koszalin. Dort und in Lebork stiegen wir um, so dass wir gegen halb zwei mal ohne viel in die Pedale zu treten unser nächstes Ziel, Leba, erreichten. Nachdem wir uns auf dem vom ADAC empfohlenen Campingplatz Marco Polo einquartiert hatten, ging es nochmal auf zwei Rädern los. Ohne Gepäck fühlte es sich fast an, als ob man schwebe. Der nahegelegene Slowinski-Nationalpark mit seiner großen Wanderdüne wurde erradelt, erschoben und ertragen (also das Rad auf den Schultern). Nachdem wir noch eine Weile das Strandfeeling genossen hatten, ging es zum Hafen und wieder in die Stadt, wo wir uns tatsächlich noch verfuhren (obwohl Leba nicht sehr groß ist), aber dank der Hilfe eines deutsch sprechenden Passanten doch noch zurück zum Zeltplatz fanden. Noch schnell im Polo-Supermarkt nebenan einkaufen, und dann konnten wir auf der Dachterrasse des Campingplatzwaschhauses zu Abend essen und anschließend, als es anfing zu regnen, im TV-Aufenthaltsraum noch etwas das recht lahme WiFi-Internet nutzen.
Sa, 21.07.2012 - km
446 - 523
Da es auch morgens noch anfangs leicht regnete, mussten wir unser Zelt nass einpacken, aber als wir losradelten hörte der Niederschlag zum Glück auf. Entlang einer Hauptstraße ging es zunächst südwärts und dann nach Osten über die Hügel, durch Szczenurze, Sasino, Krokowa (mit einer hübschen Backsteinkirche) zurück an die Küste nach Karwia und schließlich Jastrzebia Gora, wo wir schon am frühen Nachmittag eintrafen. Da die Sonne gerade schien, wuschen wir schnell unsere Klamotten (die es inzwischen nötig hatten), damit die bis zum Abend noch trocknen konnten, was teilweise auch klappte. Derweil besuchten wir den nahe gelegenen Leuchtturm Rozewie, gingen einkaufen, wagten uns den steilen Weg zum Strand hinunter und gönnten uns noch ein leckeres Lody-Eis, das überall mit großen Bildern und Rieseneisaufstellern angepriesen wurde. Ein bißchen Malle darf schon sein. Zurück auf dem Zeltplatz gab's dann das warme Abendessen, untermalt von der Proll-Musik aus den Auto-Lautsprechern der jungen Bungalowbewohner und -innen nebenan (jedem das seine). Das Netbook konnte ich diesmal sogar bequem kostenlos laden, da in dem schon arg verwitterten Stromkasten neben unserem Zelt noch der Schlüssel steckte (und offensichtlich festgerostet war).
So, 22.07.2012 - km
523 - 570
Am nächsten Morgen waren die Autobatterien unserer halbstarken Nachbarn leider trotz der stundenlangen Beschallung am Abend noch nicht leer, aber der Schnaps hatte ihnen zumindest einige Kopfschmerzen bereitet, so dass sie ihre Musik nur noch in geringerer Lautstärke ertragen konnten. Gegen Mittag brachen wir auf und gingen in Wladyslawowo einkaufen. Dann ging es ab auf die schmale aber Lange Halbinsel Hel, das Meer immer in Sichtweite und blauer Himmel mit Sonne. Nach einigen Kilometern über eine abenteuerliche Wald-Geländestrecke erreichten wir schließlich die Hel, wo es entgegen dem Namen herrlich war, lediglich die hohen Temperaturen passten. Im "Helkamp" quartierten wir uns dann mal zur Abwechslung für zwei Nächte ein und machten uns zu Fuß auf den Weg durch den Wald (mit diversen Weltkriegsbunkern und Militärsouvenirhändlern) bis an den Strand an der Spitze der Halbinsel. Urlaubsfeeling pur. Abends in der Stadt gingen wir lecker Fisch essen, mal wieder Dorsch, der in der Gegend recht beliebt zu sein schien, und ließen den tag bei einem Bierchen und Internet im gemütlichen Helkamp ausklingen.
Mo, 23.07.2012 - km
570 - 590
Da wir beschlossen hatten, zwei Nächte in Hel zu bleiben, war dies der erste Tag, an dem wir morgens nicht unser Zelt wieder abbauen mussten, sondern konnten ausschlafen, gemütlich frühstücken und Urlaub im Urlaub machen. Anschließend besorgten wir uns im Hafen die Fährtickets für den nächsten Tag, gingen einkaufen, besuchten mal einen anderen Strand und den Leuchtturm der Halbinsel. Nachmittags und abends flanierten wir dann durch die gemütliche Innen"stadt" mit ihren Geschäften und Restaurants und machten uns danach einen gemütlichen Abend im Helkamp.
Di, 24.07.2012 - km
590 - 606
Morgens ging es nach dem Einpacken zum Hafen und mit der Fähre in knapp zwei Stunden nach Gdansk (Danzig), wo wir kurz nach Mittag anlegten. Obwohl das Boot recht weit ins Stadtzentrum gefahren war, mussten wir uns erstmal eine Weile orientieren (ohne vernünftigen Stadtplan) bevor wir wussten, wo wir waren und hinwollten. Die historische Innenstadt, sicherlich die schönste auf der ganzen Reise, sahen wir uns natürlich an, aber das vegetarische Restaurant "Karotka" dort lockte uns ebenfalls. Offensichtlich nicht nur uns, denn alle Tische waren belegt, und wir warteten eine ganze Zeit vergeblich, dass denn nun jemand fertig sei und ginge. Irgendwann lud uns dann ein nettes Pärchen an ihren Tisch ein, und es stellte sich raus, dass es ebenfalls Radler waren, aus Kassel auf dem Weg nach Schweden. So trifft man sich in der "Szene". Das Essen in der "Karotka" war dann auch die Wartezeit wert, einfach köstlich. Gesättigt machten wir uns auf den Weg zu unserem Zeltplatz "Stogi 218" in einem Vorort im Osten der Stadt. Dort einquartiert radelten wir dann zum nahe gelegenen Strand für ein kleines Bad in der Ostsee (mit Blick auf den Danziger Hafen oder Industriegelände). Das Abendbrot gab es nach der Dusche am Zelt, und das Feierabendbier genossen wir - da die Zeltplatzbar schon zeitig zu machte - wieder in Strandnähe auf der "Plaza Stogi" untermalt von Discomusik für die tanzfreudigen Touristen.
Mi, 25.07.2012 - km
606 - 685
Nach dem Frühstück ging es schon gegen 10 Uhr weiter, da wir an dem Tag noch eine größere Strecke vor uns hatten. Die von Google Maps auf einem Zettel von Hand abskizzierte Fahrtstrecke fanden wir erstaunlich gut, standen aber plötzlich vor einer Schranke. Der im Internet berechnete Weg führte nämlich quer über das Firmengelände der Lotos-Raffinerie, was der dortige Pförtner für keine so gute Idee hielt. Netterweise hatte er aber eine kleine Karte der Gegend zur Hand, auf der wir sahen, wie wir durch Umfahrung des Lotos-Geländes trotzdem zur Touristenstraße 501 - Ulica Turisticzna - kommen konnten. Diese führte dann auch bald wieder parallel zur Ostsee ostwärts, wenn auch nicht mit Strandblick, aber durch hübsche kleine Orte. Bei Swibno war wieder ein Fluss zu überqueren, diesmal mit einer Art Floß, das von einem Schiff gezogen wurde. Nach der Fisch&Eis-Mittagspause (nacheinander, nicht zusammen!) ging es weiter, und nach einem Proviantkauf in Stegna ging es auf die schmale Frische Nehrung, wo wir wieder beidseitig von Wasser umgeben waren - links die Ostsee und rechts das Frische Haff. In Krynica Morska wollten wir eigentlich ein Boot über das Haff zum Festland nehmen, doch das fuhr zu der Zeit nicht mehr. In der netten Touristeninformation bekamen wir aber Infos zu einer Fähre am nächsten Morgen am Piaski (etwa eine Stunde per Rad weiter nordöstlich) samt einer detaillierten Landkarte der Gegend. Das war sehr hilfreich, denn unser Ostseeradwegreiseführer hatte nur bis Danzig gereicht. Da wir nach so vielen Stunden an zum Teil stark befahrenen Straßen keine Lust mehr auf Autos hatten, freuten wir uns, dass es offensichtlich auch einen Radweg nach Piaski gab. Der war zunächst ganz nett, verlief durch ein paar Urlaubssiedlungen, ging dann aber in einen immer sandigeren Waldweg über, der sich mit einem vollbeladenen Fahrrad nicht mehr gut befahren ließ. Zu allem Überfluss wurde Cat und dann auch ich plötzlich von einem Mückenschwarm attackiert, wie wir es noch nie erlebt hatten. Man konnte gar nicht so schnell nach den Biestern schlagen, wie man gestochen wurde. Wie die Derwische herumspringend und zappelnd versuchten wir die Mücken einigermaßen fernzuhalten und gleichzeitig das polnische Mückenspray aus der Fahrradtasche zu holen. Dann gaben wir uns (und den Mücken) von oben bis unten die volle Chemospraykeule, bis die Monster erstmal von uns abließen. Bei der Menge Moskitospray wäre bestimmt auch ein Löwe geflüchtet. Da wir genug von diesem Wald"rad"weg hatten, versuchten wir, sobald wie möglich zurück zur Straße zu kommen und freuten uns sogar fast, wieder Autos zu sehen. Alles besser als diese Mücken. Über Asphalt kamen wir trotz Steigung recht gut vorwärts und kamen irgendwann erschöpft aber glücklich in Piaski an.
Im kleinen Ort Piaski schlugen wir gleich auf dem ersten Zeltplatz unser Lager auf, wo die Verhältnisse doch etwas einfacher waren als auf den touristischeren Zeltplätzen auf dem "Festland", dafür gab es in der Gegend aber hungrige Wildschweine, die auch gerne mal auf Campingplätzen nach Nahrung suchten, so dass uns nahegelegt wurde, den Proviant an einem Baum aufzuhängen. Anschließend machten wir uns zu Fuß auf den Weg zur anderen Seite der Nehrung, um am Strand ein Bierchen zu genießen und nach Russland rüberzuschauen. Da die Grenze nun wirklich nicht mehr weit weg war, wurde aus unserem Strandspaziergang eine Tour zur EU-Außengrenze, das hat man auch nicht alle Tage. Nach dem Sonnenuntergang in der Ostsee ging es zurück ins Zeltlager, wo wir nach einem leckeren Abendessen wieder in unsere Schlafsäcke krochen.
Do, 26.07.2012 - km
685 - 768
Als ich morgens an dem kleinen Lebensmittelladen vor unserem Zeltplatz Brötchen holen wollte, standen die Urlauber dort schon bis auf die Straße Schlange, doch die Brötchenfrühstücker waren dabei deutlich in der Unterzahl. Die meisten kamen mit Bierflaschen in den Händen heraus, die gleich am Tisch vor dem laden ("Biergarten") als flüssiges Frühstück verzehrt wurden. Wir blieben vorerst aber doch beim Kaffe zum Brot und bestiegen am Vormittag wieder mit vollbeladenen Fahrrädern die Fähre nach Nowa Pastelka, die bei der Ankunft randvoll mit Badetouristen war, die wir aber auf der Rückfahrt zum Festland praktisch für uns allein hatten. Nach einer Dreiviertelstunde Fahrt über das Frische Haff und flussaufwärts legten wir in Nowa Pastelka an, welches aus nicht viel mehr als dem Bootsanleger zu bestehen schien. Also schwangen wir uns wieder auf die Sättel und radelten los zur nächsten größeren Stadt, Braniewo. Dort erstand ich in der örtlichen Touristeninformation einen Stadtplan, und nach einen ganz schnellen Sightseeing der umliegenden Sehenswürdigkeiten und einem letzten Einkauf in einem EU-Supermarkt ging es nordwärts entlang der Hauptstraße zur Grenze. Dort reihten wir uns in die Schlange wartender Autos ein (eine russische Familie im Wagen neben uns war ganz fasziniert von uns zweirädrigen Touristen) und passierten auch die Pass- und Zollkontrolle auf der Autospur (und bekamen auch einen Auto-Einreisestempel, leider gibt es keine Fahrradversion). Abgesehen von der obligatorischen längeren Wartezeit ging es dank des schon vorhandenen russischen Visums relativ schnell. Bei der Zollkontrolle waren wir dann recht ratlos, was wir in das ausführliche Formular eintragen sollten. Doch als ein Zollbeamter kam und uns anschaute, erließ er uns den Papierkram und winkte uns durch, ohne dass wir den "Kofferraum" öffnen mussten.
Und dann waren wir in Russland, was wir vor allem daran merkten, dass alle Schilder nun kyrillische Buchstaben zeigten. Diese zu entziffern war dann in den nächsten Tagen ein unterhaltsamer Zeitvertreib für uns. Der "Europaradweg" auf der russischen Seite der Grenze war dagegen nicht so unterhaltsam, denn es handelte sich einfach um die Hauptstraße, die von der Grenze nach Kaliningrad führte, ohne Seitenstreifen, aber dafür mit Autos und Lkw, die oft einen Sicherheitsabstand beim Überholen mit Höchstgeschwindigkeit für unnötig hielten. Immerhin war das Wetter gut, fast schon zu sonnig, so dass sich unsere Wasservorräte immer mehr leerten, aber es gab nirgendwo eine Wechselstube oder Geldautomaten, um an Rubel zu kommen. Etwa auf halbem Weg machten wir eine kleine Pause an einem Badesee, und gegen Nachmittag erreichten wir schließlich die Stadtgrenze von Kaliningrad. Nachdem wir durch das "Brandenburger Tor" gefahren waren, befanden wir uns schließlich richtig in der Stadt, und dort fanden wir auch einen Geldautomaten, Supermarkt, Getränke und kühles russisches Eis. Letzteres war zwar nicht so Cats Geschmack, aber ich opferte mich, auch ihres zu essen. Da wir keine allzu detaillierte Karte von Kaliningrad hatten, irrten wir ein wenig durchs Zentrum, konnten uns von einigen Einheimischen aber wieder den rechten Weg weisen lassen. Nach einem Provianteinkauf für den Abend (ob es in der Nähe des Hotels Einkaufsmöglichkeiten gab, wussten wir nicht) fuhren wir den Moskovsky Prospekt ostwärts entlang, bzw. Auf dem Fußweg neben der Schnellstraße, der mit seinen 30cm-Bordsteinen auch nicht gerade fahrradfreundlich war. Irgendwann wurde der Moskovsky Prospekt zu einer Art Bundesstraße oder Autobahn, die dann eine weitere solche Straße kreuzte. Doch wir überquert man mit dem Fahrrad ein Autobahnkreuz? Da uns das bei dem Verkehr nicht ganz geheuer war, hielten wir uns nordwärts, überquerten dort die andere Straße, doch zurück auf unsere ursprüngliche Route konnten wir nicht, ohne zu Geisterfahrern zu werden. Also versuchten wir ach Gefühl unseren Weg durch die Gegend nördlich der Autobahn zu finden, denn das Hotel konnte nicht mehr weit sein. Leider gab es nicht allzu viele Straßen (zumindest keine asphaltierten), aber nach etwas Herumirren (u.a. durch eine Reihenhaussiedlung, über eine schlammige Baustelle und durch schulterhohes Gras) entdeckten wir das zum Glück recht hohe und deshalb relativ weit sichtbare Hotel Baltica. Die letzten Meter durch die Natur waren auch bald geschafft, und kurz nach Sonnenuntergang erreichten wir unser Hotel bzw. unseren Zeltplatz. Der einzige Campingplatz in Kaliningrad war nämlich eine Wiese hinter dem Hotel Baltica. In verschwitzten Fahrradklamotten betrat ich dann die marmorne Hotel-Eingangshalle und checkte für unser Stück Rasen ein. Die Reservierung hatten wir schon von Deutschland aus per E-Mail gemacht, das Hotel hatte uns sogar die für das Visum benötigte Einladung geschickt.
Wir bauten dann fix unseren "Palast" auf (bei gleichzeitigem Abwehrkampf gegen die Mückenschwärme, die wohl im benachbarten See heimisch waren) und gingen anschließend im Hotel duschen. Für die Campinggäste (neben uns war nur noch ein weiteres – ebenfalls deutsches – Paar mit Kindern im Outdoorbereich untergebracht) gab es ein Hotelzimmer, in dem man, mit einem Schlüssel von der Rezeption, auf Nachfrage duschen konnte. Sauber und erfrischt konnten wir dann draußen unser erstes russisches Abendessen (Teigtaschen mit Überraschungs-Füllung, wir konnten die Zutatenliste ja nicht lesen) genießen.
Fr, 27.07.2012 - km
768
In Anbetracht der "fahrradfreundlichen" russischen Straßen ließen wir unsere Drahtesel an diesem Tag mal stehen und nahmen einen Minibus vom Hotel ins Stadtzentrum. Das Hotel war laut Aussage der Rezeptionistin ohnehin nur über die Straße zu erreichen, Radtouristen seien eher selten. Das Sightseeing in Kaliningrad lief zunächst einmal eher nebenher, denn abgesehen von einem leckeren russischen Mittagessen im Cafeteria-Restaurant "Solyanka" und einem oder zwei Bechern Kwas (einem typisch russischen Getränk das aus Brot und Früchten gegoren wird und das man an jeder zweiten Straßenecke aus einem Fass gezapft kaufen kann) war die erste Mission des Tages der Kauf einer Zugfahrkarte zurück nach Dresden für den folgenden Tag, denn wir hatten nur ein 3-Tage-Visum für Russland bekommen. Obwohl man eigentlich ein Visum für 30 Tage bekommen kann, hatten uns die russischen Behörden nur 3 Tage gegeben, die dem gebuchten Aufenthalt im Hotel Baltica entsprachen. Am Nordbahnhof waren wir leider nicht erfolgreich, da von dort keine Züge nach Westen fuhren und ohnehin niemand Englisch sprach. Nächste Station war dann das Reisebüro Baltma Tours, das im Lonely Planet besonders Ausländern empfohlen wurde, denn in einem gewöhnlichen russischen Reisebüro, auch in solchen, die Flugreisen in die ganze Welt verkaufen, spricht in der Regel niemand Englisch, wie wir selbst erfahren mussten. Leider existierte das Baltma Tours Büro nicht (mehr), aber an der Adresse fanden wir ein anderes, mit sehr hilfsbereiten und ziemlich gut englisch sprechenden Mitarbeiterinnen. Obwohl sie dort keine Zugtickets verkaufen konnten, telefonierte die Dame für uns bei mehreren Stellen herum und verwies uns an ein anderes Büro, Turne Trans, das auf Zugreisen spezialisiert war, inklusive einer groben Wegbeschreibung dorthin. Um dort aber nicht ganz planlos aufzutauchen wollten wir uns zunächst online verschiedene Bahnverbindungen raussuchen (bahn.de schien da etwas kompetenter zu sein als die russischen Buchungsmöglichkeiten), doch ein Internetcafé zu finden war auch nicht so einfach. Die Angaben im Lonely Planet waren veraltet, und so suchten wir eine ganze Weile, bis wir schließlich in einem schicken Café-Restaurant etwas essen und trinken gingen, denn dort gab es WiFi-Internet. Das Turne-Trans-Reisebüro, das sich ganz in der Nähe befinden sollte, fanden wir allerdings auch nach längerer Suche nicht. Schließlich gaben wir auf und nahmen einen Bus zum Südbahnhof, von dem alle internationalen Züge abfuhren, auch unser Wunschzug nach Berlin stand dort auf dem Fahrplan. Doch als ich bei der strengen Schalterdame zwei Fahrscheine für uns kaufen wollte, erwiderte sie barsch, dass der Zug am nächsten Tag voll sei und Fahrräder generell nicht mitgenommen würden! Auf weitere Gespräche ließ sie sich auch nicht ein, da schon der nächste Kunde bereitstand, um von ihr angeblafft zu werden. Wie in den meisten großen Bahnhöfen gab es aber auch dort ein Reisebüro, und das hieß – Turne Trans! Also schnell dort hinein, nach einiger Zeit tatsächlich auch eine englischsprachige Mitarbeiterin gefunden, und unser Ticket rückte näher. Allerdings sagte man uns dann, dass dieses Turne-Trans-Reisebüro nur Inlands-Zugtickets ausstellen könne, die Filiale im Norden der Stadt sei auf internationale Fahrten spezialisiert. Argh! Immerhin gab die nette Dame den Kollegen dort schon mal grob unsere Wünsche durch (wer weiß, wie gut die dort englisch sprachen) und gab uns eine genaue Adresse, damit wir das Büro auch fänden.
Also dann wieder mit dem Bus in den Norden der Stadt, in die Gostinnaya-Straße, wo wir mit genauer Hausnummer auch das Turne-Trans-Büro fanden, an dem wir vorher schon zweimal vorbeigelaufen waren. Dort wurde dann wieder eine Mitarbeiterin gesucht, die Englisch sprach bzw. für uns übersetzte, und ihre Kollegin suchte die entsprechenden Zugverbindungen. Nach ewigem Hin- und Her von 1-2 Stunden (der Zug nach Berlin sei voll, andere Verbindungen nach Deutschland könne sie nicht buchen, Fahrräder sind ein Problem) hatten wir zum Schluss zumindest einen Teilerfolg: Wir erstanden – mit ordentlichem Reisebüro-Aufpreis - zwei Tickets bis Tczew in Polen, einem Eisenbahnkreuz, von wo man weiter nach Berlin, Danzig oder auch Wroclaw konnte. Wir waren optimistisch, das man bei den polnischen Bahnbeamten schneller und freundlicher einen Fahrschein bekommen konnte (das hatte auf dem Hinweg in Polen ja auch immer problemlos geklappt), und vielleicht war der Zug ja auch nicht ganz voll, wenn wir einmal drinsaßen, und wir könnten bis Berlin weiter mitfahren. Fahrradtickets bekamen wir keine, aber das Versprechen, am nächsten tag vom Turne-Trans-Büro am Südbahnhof die entsprechenden Dokumente zu erhalten. Naja, so war zumindest unsere visumgerechte Ausreise aus Russland geklärt, und wir konnten – etwas geplättet vom Kampf um unser Zugticket – noch etwas Sightseeing und Souvenirshopping betreiben. Letzteres war nicht ganz so einfach, denn offensichtlich ist Kaliningrad nicht auf Touristen eingestellt, es gab noch nicht einmal Postkarten. Immerhin bekamen wir ein russisches Mückenspray, um uns am Abend der lästigen Biester zu erwehren, und so konnten wir – nach der abendlichen Dusche im Hotel und einer zufälligen Begegnung mit Frau Heidenreich, einer Bekannten aus Dresden, die im gleichen Hotel übernachtete -mit unseren netten Zeltplatznachbar quatschen und in unserem Pavillon einen gemütlichen letzten russischen Abend verbringen.
Sa, 28.07.2012 - km
768 - 785
Am letzten Tag in Russland konnten wir noch ein bißchen shoppen gehen, auch wenn es praktisch keine vernünftigen Souvenirs oder andere Mitbringsel gab, und uns ein paar Sehenswürdigkeiten anschauen wie die Kant-Insel und die Kathedrale (wo an diesem Abend sogar ein sächsisches Blasorchester auftrat). Um sicherzugehen, dass mit unseren Tickets alles klar ging, fuhren wir schon um 13 Uhr zum Südbahnhof zum Turne-Trans-Büro, wo uns Nazilia, die englischsprachige Mitarbeiterin, einen Zettel schrieb, den wir dann der freundlichen Schalterdame (die gleiche Hexe wie am Vortag) vorlegten, um Fahrscheine für unsere Fahrräder zu bekommen, doch die beharrte auf ihrem Standpunkt: Keine Fahrräder in russischen Zügen! (Obwohl der Zug ja bis Berlin fuhr, und dort kann man Fahrräder hineinstellen.) Also zurück zu Turne-Trans und zusammen mit Nazilia wieder zur Schalterhexe, die dann eine Weile heftig auf Russisch diskutierten. Nach einer Weile hieß es, wir könnten die Fahrräder als Gepäck mitnehmen, aber komplett auseinandergeschraubt und verpackt, doch das war für uns keine Option, wir hatten dafür ja noch nicht einmal das passende Werkzeug mit. Wir beharrten darauf, dass man uns im Reisebüro gesagt hatte, unsere Fahrräder kämen mit. Nazilia legte sich weiter für uns ins Zeug und wurde von der Schalterhexe schließlich an die nächst höhere Instanz, die Bahnhofschefin, verwiesen, die entscheiden sollte, ob wir die Fahrräder nun mitnehmen durften. Diese erbat sich dann noch eine gute halbe Stunde Bedenkzeit. Wahrscheinlich musste sie bei Präsident Putin persönlich nachfragen, ob man diese fatale Gesetzesbrechung der russischen Eisenbahnordnung dulden durfte. Als nach 40 min noch keine Antwort da war, ging ich wieder ins Turne-Trans-Büro und sagte, wir müssten jetzt aber wissen, ob wir nun mit dem Zug fahren dürfte oder nicht. Andererseits würden wir uns auf unsere Sättel schwingen, und per Fahrrad in die EU zurückkehren, um, dort in den Zug zu steigen, was außerhalb Russlands ja erlaubt ist. In diesem Fall würde ich aber das Geld für unsere Fahrscheine zurückverlangen. Nazilia sagte mir, unsere Tickets könnten wir leider nur im anderen Turne-Trans-Büro zurückgeben, da wir sie ja dort gekauft hatten (aaarrrggghh, aber wunderte mich nicht), aber sie ging nochmal zur Bahnhofsleiterin und kam mit der erfreulichen Botschaft zurück, dass wir tatsächlich unsere Fahrräder mit in den Zug nehmen dürften, wir sollten nur unsere Reifen mit Zeitungspapier einwickeln, um die sauberen russischen Waggons nicht zu beschmutzen. Damit konnten wir leben, ich ließ mir diese Info aber von Nazilia nochmal schriftlich geben, samt Telefonnummer von ihr und der Bahnhofsleiterin.
Anschließend gingen wir noch einmal für eine Stunde oder zwei raus in die Sonne, kauften uns im Kaufhaus eine günstige russische Zeitung zum Räder-Einpacken, ein Eis und noch leckeren Kwas. Mit ausreichend Zeit vor der Abfahrt kehrten wir zum Bahnhof zurück. Der nette Türsteher am Bahnhof, der uns zunächst nahegelegt hatte, unsere Räder doch vor dem Bahnhof anzuschließen, satt sie mit reinzunehmen, ließ uns schließlich doch durch (woher konnte er auch wissen, dass man im Zug ein Fahrrad mitnehmen will und kann?) Doch auf dem Bahnsteig wartete dann das finale Level des Russland-Adventures auf uns. Die Oberhexe in Form einer Zugbegleitung der russischen Staatsbahn schimpfte uns mit fast hochrotem Kopf aus, was uns denn einfiele, mit Fahrrädern auf den Bahnsteig (oder gar in den Zug!) zu kommen. Doch ich wedelte siegessicher mit dem Schriftstück, dass uns Nazilia gegeben hatte ("Dokument! Dokument!"), auf Papier hat man halt immer bessere Argumente. Ungläubig las sie es durch, rief anschließend direkt bei der Bahnhofsleiterin an und stapfte – als ihr die telefonische Erklärung noch nicht reichte – wutentbrannt persönlich dorthin in Anbetracht dieser unglaublichen Gesetzesübertretung. Dagegen war der Zugbegleiter unseres Waggons viel entspannter, half uns, die Fahrräder einzuladen, sagte, das Einwickeln mit Zeitungspapier sei Unsinn und schenkte uns sogar noch einen Fahrrad-Reiseführer, den jemand im Zug liegengelassen hatte. Mit den beiden Personen hatten wir gleich die zwei der typischen russischen Charaktere versammelt: Die garstig-böse Staatsangestellte, die ihre kleine Machtposition auskosten und den Mitmenschen das Leben schwer machen will, und den entspannten, äußerst freundlichen und hilfsbereiten Menschen. Letzterer stellte die mit Abstand größte Zahl der Leute, die wir in Kaliningrad trafen. Kaum hatten wir den Bahnhof verlassen, zog der nette Zugbegleiter wieder sein Hemd aus (es war auch zu warm für formelle Kleidung) und bedeckte seinen Oberkörper nur bei Aufenthalten an der Grenze und in Bahnhöfen. Die Bahnhexe zog derweil eine Schürze über (warum auch immer) und würdige uns während der gesamten Fahrt keines Blickes mehr.
In Bummelgeschwindigkeit rumpelten wir dann Richtung Grenze, wo die Kontrollen noch eine ganze Weile dauerten (wir hätten den Zug als durchaus noch mit dem Fahrrad in Polen erreichen können), danach ging es etwas schneller. In Braniewo war dann der erste längere Halt mit Ankopplung weiterer Waggons (u.a. mit Fahrradabteil), wir nutzten die Zeit zum Getränkekauf in einem kleinen Laden vor dem Bahnhof. Und gegen halb zehn abends erreichten wir schließlich Tczew. Dort mussten wir uns leider von unserem netten Schaffner verabschieden, denn der Zug war von dort an ausgebucht. In Tczew flitzte ich dann zum polnischen Bahnschalter, wo eine freundlichere, kompetentere Dame arbeitete, doch für den Nachtzug nach Wroclaw eine Stunde später gab es leider keine freien Plätze mehr. So mussten wir Tickets für den nächsten Zug um 5:35 Uhr kaufen und uns bis dahin die Zeit im und – da es etwas kühler war – vor dem Bahnhof vertreiben. Ich radelte noch etwas um den Block und fand noch einen geöffneten kleinen Laden, wo ich Bier und Chips kaufen konnte, und mit dieser Grundversorgung und Karten spielend versuchten Cat und ich, die Stunden bis zur Weiterfahrt totzuschlagen. Später holte ich ein Buch raus und Cat machte es sich mit ihrer Isomatte auf einer Bank bequem. Doch kaum war sie eingeschlafen kamen zwei Politessen vorbei, rüttelten sie unsanft wach und nahmen unsere Personalien auf. Wir erfuhren, dass es in Polen illegal sei, in der Öffentlichkeit zu schlafen und Bier zu trinken (das sah an der Ostsee irgendwie anders aus). Da wir aber auf dem letzten Stück der Reise keinen Ärger wollten, hielten wir uns irgendwie wach und fielen dann um 5:35 Uhr todmüde in den Zug nach Wroclaw. Es war zwar kein Nachtzug, aber da er recht leer war, konnten wir uns über mehrere Sitze ausbreiten und etwas Schlaf nachholen.
So, 29.07.2012, km
785 – 790
Nach einigen Stunden Schlaf kamen wir gegen Mittag in Wroclaw an, und ich flitzte gleich zum Fahrkartenverkauf, denn in Tczew hatte man uns auch kein Komplett-Ticket bis Dresden ausstellen können. Nachdem ich ein-, zweimal weitergeschickt wurde "Auslandsfahrscheine gibt es hier nicht") kam ich an einen netten Schalterbeamten, der mir die Tickets für die Heimreise ausstellte, wobei die Preise für die zweite Hälfte der Fahrt (nach der Grenze) deutlich höher waren als für die erste, obwohl der Zug bis Dresden durchfuhr. Besonders ärgerlich waren die jeweils 10 Euro für eine "Fahrradkarte International" von Zgorzelec bis Dresden. Ab Görlitz (nur durch eine Brücke von Zgorzelec getrennt) wären es nur 5 Euro gewesen. Naja, wir waren froh, eine Direktverbindung erwischt zu haben und kamen schließlich gegen halb fünf wieder in Dresden an. Die letzten Kilometer nach Hause, auf richtigen deutschen Fahrradwegen wussten wir nach der Reise viel mehr zu schätzen als noch davor. Ich spielte sogar mit dem Gedanken, noch eine kleine Radtour dranzuhängen, um die 800 km vollzumachen, aber fuhr dann letztendlich doch direkt nach Hause, zu Dusche, Waschmaschine und Kühlschrank – und der ersten Nacht in einem festen Gebäude seit gut zwei Wochen, die mal wieder viel zu schnell um waren.